Rückgrat der gesamtstaatlichen Verteidigung
Im Spannungs- und Verteidigungsfall ist Deutschland nur so widerstandsfähig wie seine kritischen Infrastrukturen (KRITIS). Sie bilden das funktionale Fundament für staatliches Handeln, militärische Einsatzfähigkeit und das Überleben der Zivilbevölkerung. Ohne Strom, Wasser, Transportwege, Kommunikationsnetze und Gesundheitsversorgung sind weder Aufmarsch noch Versorgung noch Koordination möglich – weder militärisch noch zivil.
Der Schutz Kritischer Infrastrukturen liegt im Krisen‑ und Konfliktfall nicht in der originären Zuständigkeit der Bundeswehr, sondern bei zivilen Trägern und staatlichen Behörden.
Der OPLAN DEU denkt kritische Infrastrukturen deshalb nicht als Hintergrundbedingung, sondern als operative Ressource. Ihr Schutz, ihre Verfügbarkeit und ihre Resilienz sind strategische Voraussetzungen für glaubwürdige Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit.
Was zählt zur Kritischen Infrastruktur?
Nach Definition des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zählen zur KRITIS neun Sektoren:
- Energie (z. B. Stromversorgung, Gasnetze, Raffinerien)
- Informationstechnik und Telekommunikation (z. B. Rechenzentren, Mobilfunknetze)
- Transport und Verkehr (z. B. Bahn, Logistikzentren, Flughäfen)
- Gesundheit (z. B. Krankenhäuser, Arzneimittelversorgung)
- Wasser (z. B. Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung)
- Ernährung (z. B. Lebensmittelproduktion, Kühlketten)
- Finanz- und Versicherungswesen (z. B. Zahlungsverkehr, Zentralbanken)
- Staat und Verwaltung (z. B. Parlamente, Ministerien, Justiz)
- Medien und Kultur (z. B. Rundfunk, Informationsverbreitung)
Der OPLAN DEU konzentriert sich insbesondere auf die Schnittstellen zwischen KRITIS und militärischer Operationsführung – z. B. Stromnetze für Führungsfähigkeit, Bahninfrastruktur für Truppenbewegung, Telekommunikationsnetze für Lagebilder und Entscheidungsprozesse.
Schutz, Steuerung und Wiederherstellung
Im Rahmen des OPLAN DEU werden drei Zielrichtungen verfolgt:
- Prävention und Schutz: Sicherstellung, dass kritische Infrastrukturen auch unter hybriden oder kinetischen Angriffen funktionsfähig bleiben – durch physische Absicherung, Cyberresilienz und Redundanzen.
- Verfügbarkeitssteuerung: Koordination ziviler Betreiber für die priorisierte Nutzung im Verteidigungsfall – etwa zur Truppenverlegung, Materiallogistik oder Führungsunterstützung.
- Wiederanlauf und Aufrechterhaltung: Notfallpläne für die zügige Wiederherstellung nach Ausfall, inklusive Host Nation Support für Bündnispartner auf deutschem Gebiet.
Rechtliche und organisatorische Voraussetzungen
Der Schutz kritischer Infrastrukturen ist keine rein militärische Aufgabe. Im Gegenteil: Zuständigkeit, Verantwortung und operative Steuerung liegen vor allem bei zivilen Trägern – Unternehmen, Landesbehörden, kommunalen Betrieben. Der OPLAN DEU beschreibt, wie diese Akteure eingebunden werden: über Verträge, Verwaltungsabsprachen, Übungsszenarien und klare Kommunikationsstrukturen.
Ein zentrales Instrument ist die Einbindung der KRITIS-Sektoren in regelmäßige Stresstests und Gesamtverteidigungsübungen. Nur so kann erprobt werden, ob Versorgung, Schutz und Steuerung im Ernstfall funktionieren – und ob zivil-militärische Schnittstellen robust aufgestellt sind.
Kritische Infrastruktur ist kein Selbstläufer
Gerade im Spannungsfall entstehen neue Bedrohungen: Sabotage, Cyberangriffe, Stromausfälle, Desinformation, gezielte Destabilisierung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Ausfallsicherheit und Koordination dramatisch.
Kritische Infrastrukturen sind dann nicht nur Opfer potenzieller Angriffe – sie sind selbst Ziel, Waffe, Rettungsleine und Schwachstelle zugleich.
Daraus folgt:
- Resilienz heißt nicht nur Schutz, sondern auch Fähigkeit zur Selbstreparatur und Ad-hoc-Umsteuerung.
- Die Sicherung kritischer Infrastruktur ist gesamtstaatliche Aufgabe – militärisch, zivil, wirtschaftlich.
Ohne funktionierende Infrastruktur keine Verteidigungsfähigkeit
Der OPLAN DEU macht deutlich:
Eine erfolgreiche Bündnis- und Landesverteidigung setzt voraus, dass Deutschland im Inneren funktioniert – auch unter Druck. KRITIS ist dabei kein technisches Nebenthema, sondern ein zentraler Hebel, um das Land widerstandsfähig, steuerbar und verteidigungsbereit zu halten.
Ohne belastbare Infrastruktur bleibt jede Strategie ein Konzept ohne Wirkungskraft.

