
Im Bündnis- oder Verteidigungsfall wird Wasser zu einer der sensibelsten Lebensadern der Gesellschaft. Trinkwasser, Abwasser, Löschwasser und Prozesswasser halten nicht nur Haushalte am Laufen, sondern auch Krankenhäuser, Lebensmittelversorgung, Energieversorgung, Industrie, Hygiene und öffentliche Ordnung. Wasser gehört damit zur Kritischen Infrastruktur – und ist zugleich ein Bereich, in dem kleine Störungen schnell große Kaskaden auslösen.
Der entscheidende Punkt: Die Sicherung der Wasserversorgung ist primär zivile Verantwortung. Betreiber, Kommunen, Zweckverbände und zuständige Behörden tragen die operative Pflicht, Versorgung aufrechtzuerhalten, Störungen zu beheben und Bevölkerung zu informieren. Militärische Kräfte können unterstützen, aber sie ersetzen keine kommunalen Systeme.
Was sich im Bündnisfall verändert
1) Mehrfachbelastung statt Einzellage
Im Bündnisfall treffen Ausfälle selten isoliert auf. Wasser ist abhängig von Strom, IT, Personal, Chemikalien, Ersatzteilen und Logistik. Fällt eines davon aus, gerät das gesamte System unter Druck.
2) Hybride Bedrohungen und Sabotage als realistischer Stressor
Wasserwerke, Pumpstationen, Leitstellen, Messsysteme und Transportketten sind potenzielle Ziele hybrider Angriffe. Cyberangriffe auf Leittechnik, Manipulation von Daten, Sabotage oder Desinformation können Betrieb und Wiederherstellung verzögern und Vertrauen untergraben.
3) Priorisierung und Konkurrenz um Ressourcen
Wasser wird gleichzeitig für Bevölkerung, Krankenhäuser, Feuerwehr, Industrie und gegebenenfalls zusätzliche Bedarfe benötigt. Ohne vorbereitete Priorisierungslogik entsteht im Ernstfall Konflikt zwischen Akteuren, nicht nur Engpass im Netz.
Wo die Verwundbarkeit liegt
Stromabhängigkeit
Förderung, Aufbereitung und Verteilung hängen an Pumpen und Steuerung. Notstrom ist deshalb kein „Bonus“, sondern Grundvoraussetzung – ebenso wie die Fähigkeit, bei langen Ausfällen sinnvoll zu priorisieren.
Digitalisierung und Leittechnik
Wasserversorgung ist heute hoch digital. Das erhöht Effizienz, aber auch die Angriffsfläche. Resilienz bedeutet deshalb: klare Offline-Verfahren, Segmentierung, Notbetrieb, geübte Wiederanlaufpläne.
Chemikalien und Verbrauchsmittel
Aufbereitung benötigt bestimmte Stoffe und Materialien. Lieferkettenstörungen wirken damit direkt auf Qualität und Durchsatz.
Personal und Erreichbarkeit
Im Bündnisfall kann Personal ausfallen oder anders gebunden sein. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Schichtfähigkeit, Reparaturteams und Kommunikation. Resilienz braucht daher nicht nur technische Redundanz, sondern auch personelle Backups und klare Entscheidungsdelegation.
Was resiliente Wasserversorgung praktisch braucht
1) Notbetrieb und Wiederanlauf
- klare Stufenpläne für Versorgung bei Teil- und Totalausfällen
- definierte Prioritäten: Krankenhäuser, Pflege, kritische Dienste, Bevölkerung
- geübte Verfahren zur Wiederinbetriebnahme von Anlagen und Netzen
2) Redundanzen und alternative Versorgung
- Notstrom und Treibstofflogik für Pumpwerke und Aufbereitung
- mobile Lösungen (z. B. Tankfahrzeuge, Notbrunnen, Verteilstellen) soweit vorhanden
- Ersatzteile und Reparaturfähigkeit für kritische Komponenten
3) Krisenkommunikation und Vertrauen
Wasser ist hoch sensibel, weil Gesundheit und Hygiene unmittelbar betroffen sind. Kommunikation muss daher schnell, verständlich und konsistent sein: Was ist ausgefallen, was gilt für Leitungswasser, wo gibt es Ausgabestellen, wie lange dauert es voraussichtlich, was sollen Haushalte tun.
Was das für Kommunen, Unternehmen und Haushalte heißt
Kommunen und Betreiber
brauchen belastbare Notfallpläne, geübte Krisenstäbe, Kommunikationsketten und Schnittstellen zu Energie, Gesundheit, Feuerwehr, Polizei und Versorgungsträgern. Wasser ist kein Einzelsystem. Es ist Teil eines Verbundes.
Unternehmen
müssen Prozesswasserabhängigkeiten kennen, Notfallabschaltungen planen und bei Ausfällen „must run“ Funktionen definieren. Gerade in Lebensmittelproduktion, Gesundheit, Chemie, Logistik und KRITIS-Dienstleistungen entscheidet Wasser über Betriebsfähigkeit.
Haushalte
stabilisieren das Gesamtsystem durch Eigenvorsorge. Wer für einige Tage Trinkwasser bevorratet, reduziert den Druck auf Notausgabe, Krankenhäuser und kommunale Strukturen. In Ausfalllagen zählt nicht nur Technik, sondern auch soziale Organisation: Nachbarschaftshilfe, Unterstützung vulnerabler Personen, klare Absprachen.
Vorsorge- und Sicherstellungsgesetze
Wasser: Wassersicherstellungsgesetz (WasSiG)
Das Wassersicherstellungsgesetz (WasSiG) schafft den rechtlichen Rahmen, um in einer Versorgungskrise die Wasserversorgung und wasserwirtschaftliche Leistungen so zu steuern, dass Trinkwasser, Hygiene, öffentliche Sicherheit und zentrale Funktionen des Staates erhalten bleiben. Es ist damit ein Kernbaustein ziviler Vorsorge: Wenn Wasser knapp wird oder Systeme gestört sind, ermöglicht das WasSiG rechtssichere Priorisierung und Koordination, damit die Versorgung nicht improvisiert werden muss.
Energie: Energiesicherungsgesetz (EnSiG)
Das Energiesicherungsgesetz (EnSiG) ist für die Wasserversorgung relevant, weil Wasserinfrastruktur ohne Energie nicht funktioniert: Pumpen, Aufbereitung, Druckhaltung und Leittechnik hängen an Strom und Treibstoff. In einer schweren Störungslage kann das EnSiG den rechtlichen Rahmen schaffen, Energie so zu stabilisieren oder zu priorisieren, dass Wasserversorgung, Abwasser und Hygiene als Grundfunktionen weiterlaufen.
Ernährung: Ernährungssicherstellungs- und -vorsorgegesetz (ESVG)
Wasser ist eine Grundvoraussetzung für Ernährung: Verarbeitung, Hygiene und Landwirtschaft hängen davon ab. Das ESVG ist relevant, weil Versorgungskrisen meist sektorübergreifend sind und Ernährungssicherung ohne stabile Wasserverfügbarkeit praktisch nicht funktioniert.
Verkehr und Logistik: Verkehrssicherstellungsgesetz (VerkSiG)
Wasserlagen erzeugen Transportbedarf (Notwasserversorgung, Material, Reparaturen) und benötigen zugängliche Verkehrswege. Das VerkSiG ist relevant, weil es den Rahmen schafft, damit wasserrelevante Transporte im Engpassfall priorisiert und durchgeführt werden können.
Resilienzregulierung für KRITIS (physisch & cyber)
- Das KRITIS-Dachgesetz stärkt die physische Resilienz der Wasserinfrastruktur und verankert Betreiberpflichten für Notbetrieb und Wiederanlauf.
- NIS2 ist relevant, weil Wasserbetrieb stark von Leit- und Steuerungstechnik abhängt; Cyberangriffe können Versorgung unmittelbar stören.

